| 10. Herr Knechter und die Konfirmation
Weihnachten kam und ging, dann Ostern, und eine Woche danach war Dorotheas Konfirmation. Herr Knechter und Dorotheas Vater hatten sich abgestimmt und beide Chöre das gleiche Programm üben lassen. So konnte Leonard mitspielen und Dorothea auch bei Leonards Konfirmation.
Dorotheas Konfirmation war ein großes Fest. Weil sich viele Verwandte angesagt hatten, gab es viel vorzubereiten. Dorotheas Bruder nahm sich Zeit für Leonard, ihm die Gegend zu zeigen. Es war zwar recht schön, aber es wäre ihm lieber gewesen, die Zeit mit Dorothea zu verbringen. Die wurde aber ständig von ihren Tanten ersten und zweiten Grades belagert, die viele Fragen stellten. „Oi hübsches Kloid hascht da, woher isch des denn? En Freund hascht a schon, un der isch ausm Oschtn?“ Als Leonard das hörte, machte er sich aus dem Staub.
Am Tage der Konfirmation saß Leonard im Posaunenchor und spielte mit. Von seinem Platz aus konnte er die Konfirmanden beobachten. Er interessierte sich sonst nicht so für Klamotten, doch jetzt fiel ihm auf, wie schön Dorothea in ihrem Kleid aussah. Sie war die Schönste von allen. Wie eine Prinzessin kam sie ihm vor. Am Nachmittag gab es dann eine richtig tolle Feier. Viele hatten etwas vorbereitet. Ein Lied, ein Gedichte, Sketche und viele andere Dinge wurden zum besten gegeben. Es war richtig toll. Bloß doof war es, dass Dorothea keine Zeit für ihn hatte. Er hätte ihr gern gesagt, wie toll sie aussah.
Auf der Heimreise sah Leonards Mutter ihn an. „Das war so eine schöne Feier. Dorotheas Eltern werden enttäuscht sein, wenn sie zu uns kommen.“ Damit sprach sie aus, was Leonard fühlte.
Zwei Wochen vor Pfingsten war die Konfirmandenvorstellung. Für diesen Tag hatte Herr Frömmle mit seinen Konfirmanden einiges vorbereitet. Sie mussten viel lernen, denn er war der Meinung, dass es wichtig für alle Christen sei,wenn sie Vaterunser, Gebote mit Erklärung, Psalm 23 und verschiedene Bibelstellen auswendig können. Die Konfi´s übernahmen verschiedene Teile des Gottesdienstes und erzählten an einer besonderen Stelle anhand von Fotos, was sie in ihrer Konfirmandenzeit alles erlebt hatten. Da die Gemeinde die Konfirmandenvorstellung meist nicht so stark besuchte, hatte der Pfarrer diesen Gottesdienst als Familiengottesdienst ausgeschrieben.
Leonard und Gerd trafen sich vor der Kirche. Als sie sich noch ein wenig unterhielten, pfiff Gerd durch die Zähne. „Weißt du, wer da kommt?“ fragte Gerd „Meine Nichte Agathe.“
Agathe war Gerds Lieblingsnichte, es war auch die einzige. „Agathe, die Granate“, sagte er immer. Wenn Agathe auftaucht gab es immer etwas zu lachen, auch wenn sie erst vier Jahre alt war. „Mal sehen was heute passiert“, sagte Gerd und ging mit Leonard in die Kirche. Sie saßen nebeneinander in der Bank. Zur Predigt rief der Pfarrer die Kinder nach vorn um sich mit ihnen zu unterhalten. Er las die Worte Jesu vor: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Dann holte er aus seiner Tasche ein Glas mit Zucker, eines Mit Honig und eins mit Nutella. Er ließ die Kinder raten was in den Gläsern war. „Warum hat der Herr Jesus nicht gesagt, ihr seid das Nutella der Erde?“, fragte der Pfarrer. Keins der Kinder wusste eine Antwort. Plötzlich meldete sich Agathe ganz heftig. „Da würden wir doch alle braun aussehen, Herr Pfarrer.“ Gerd rutschte in der Bank nach unten und gab so etwas wie einen Quieklaut von sich. Auch Leonard konnte sich kaum halten. Er hatte es schwer; zur Predigt zurückzufinden, weil er vor seinem inneren Auge lauter braune Christen sah, mit einer Schleife um den Bauch, auf der Nutella stand. Als der Pfarrer fragte: „Wollt ihr wirklich Salz der Erde sein?“ kam Leonard wieder zu sich. Das ist wahrscheinlich die Frage aller Fragen, dachte Leonard bei sich.
Die Konfirmation am nächsten Sonntag war wirklich ein schönes Fest. Leonard war gespannt auf seinen Konfirmationsspruch. Gerdas Oma hatte ihm erzählt dass Herr Frömmle die Konfirmationssprüche für jeden einzelnen sehr gründlich aussuchte. Er nahm sich einen ganzen Tag Zeit dafür, fastete und betete, um Gottes Willen zu erkennen. Sie hatte das von Frau Frömmle erfahren. Als Leonard an die Reihe kam musste er mit dem dicken Mark nach vorn. Marks Konfirmationsspruch war: „Das Reich Gottes besteht nicht aus Essen und Trinken, sondern aus Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist“ Au weia, dachte Leonard sich, ob sich da der Herr Pfarrer nicht versehen hatte. Mark war sowieso sauer, weil er von allen wegen seines Gewichtes gehänselt wurde.
Nun war Leonard dran. „Jesus spricht Ihr seid das Salz der Erde.“ Leonard rieselte es kalt über den Rücken. Meint Jesus, dass ich das Salz der Erde bin? Ich kleines Würstchen? Ihm stockte fast der Atem. Irgendwie freuteer sich aber auch, dass Gott ihm so eine Aufgabe zutraute.
Vor der Kirche standen alle Gäste und beglückwünschten die Konfirmanden. Es ist klar, dass an so einem Tag alle in Feierlaune waren. Sogar Gerd umarmte Leonard. Dabei knurrte er ihm ins Ohr: „Hallo, Nutella“ Leonard knurrte zurück: „Noch ein Wort, und es gibt keinen Nachtisch.“ Gerd gehörte nämlich mit zu den Festgästen.
Leonard hatte sich eine Konfirmation gewünscht, wie sie die anderen Konfirmanden auch haben. Mittagessen, Kafeetrinken und Abendessen mit seien Gästen hatte er sich vorgestellt. Da er wusste, dass Mutti nicht so viel Geld hatte, hatte er von seinem Taschengeld und vom Bauhelfergeld gespart, was er konnte.
Mit seiner Mutter hatte er lange Verhandlungen über den Ablauf geführt. Man einigte sich über die Gästeliste. Dorothea mit ihren Eltern, Gerd und seine Oma und Herr Knechter waren die Mittagsgäste. Am Nachmittag gab es keinen Kuchen, sondern man fuhr zum Spaziergang nach Weimar in der Park Belvedere. Auch Gerds Oma nahm man im Rollstuhl mit. Danach gab es Eis für alle. Und Kuchen?. Traditionell werden in Thüringen viele Sorten gebacken und in klitzekleine Stückchen geschnitten, die man dann kunstvoll aufbaut. Leonard bestand auch auf Kuchen, den er bei einer Backfrau bestellte. Seine Mutter machte dann den Vorschlag dass, der Kuchen erst später am Abend gereicht würde, wenn der ganze Posaunenchor zum Grillfest in den Garten käme.
Am Abend waren dann wirklich alle Bläser gekommen. Leonard war ganz stolz. Sogar der lange Student, der inzwischen kein Student mehr war, konnte es möglich machen zu kommen. Er arbeitete inzwischen in Amerika. Als alle nach dem Essen am Lagerfeuer saßen, holte Herr Knechter die Gitarre hervor. Dass die Bläser gemeinsam singen, hatte Leonard noch nicht erlebt. Sie saßen und sangen Lied für Lied. Dorotheas Eltern und Herr Knechter konnten noch sehr viele Lieder aus ihrer Jugendzeit. Leonard fühlte sich richtig glücklich. Er hatte das Gefühl, als ob sich eine warme Decke um ihn hüllte, die ihn auch innerlich erwärmte. Als er dann im Bett, lag dachte er an die Zeit zurück, als er durch den frostig kalten Ort gelaufen war und den Posaunenchor entdeckt hatte. Er war froh, dass der Posaunenchor sein Leben so reich gemacht hatte.
Zum Abschied, am nächsten Tag, sagte Dorotheas Mutter zu Leonards Mutter: „Wissen Sie, das war ein wunderschönes Fest. Wenn wir feiern, dann gehört unsere Verwandtschaft einfach dazu. Manchmal kommt man aber in dem Trubel überhaupt nicht zur Besinnung. Ich habe mich hier so richtig wohl gefühlt. Ich habe mich richtig erholt dabei.“ Leonards Mutter spürte, dass dieses Kompliment ehrlich gemeint war, und wurde ein klein bisschen stolz.
Vor der Abreise nahm Dorothea Leonard beiseite und fragte ihn, ob sich mit dem Gebet schon etwas getan hätte.
„Weißt du, Herr Knechter kommt uns zwar öfter besuchen und die zwei reden auch viel miteinander, doch ob da mal was draus wird, kann ich nicht sagen.“ „Weiter beten“, sagte Dorothea, „gut Ding will Weile haben.“
Nachdem die Gäste abgereist waren, ging Leonard in den Wald um seinen Gedanken nachzuhängen. Wie war mein Konfirmationsspruch? „Ihr seid das Salz der Erde“. Gott hat bestimmt noch viel mit mir vor. Ich freu mich auf mein Lebe
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