Home
News/Infos
Wir über uns
Zwischentöne
Veranstaltungen
Fotos/Berichte
D-Ausbildung
Förderverein
Auswahlchor
Extras
Downloads
Kontakte
Links
Gästebuch
Disclaimer
 
1. HERR Knechter und der Anfänger - oder: Wie alles  begann
 
Leonard saß allein zu Hause. Mutti arbeitete am Tage im Büro und abends räumte sie in einem Kaufhaus Waren in die Regale. Heute war zwar Samstag, doch jetzt kurz vor Weihnachten musste sie länger einräumen als sonst. Vati war auch nicht zu erreichen, denn er baute mit seiner Firma große Festzelte in ganz Europa auf und ab. Vor ein paar Jahren hatten Leonards Eltern hier im Dorf im  Neubaugebiet ein schönes Haus gebaut. Er war damals noch klein, doch er konnte sich noch ganz genau erinnern, wie sehr sich alle gefreut hatten. Natürlich hatten seine Eltern Kredit dafür aufgenommen. Das war auch der Grund warum es später so oft Streit zwischen ihnen gab. Zuerst musste Vati seine alte Arbeitsstelle aufgeben und in der Zelt- Firma anfangen, um mehr Geld zu verdienen. Sie sahen einander kaum noch, jeder war unzufrieden mit dem anderen, und es gab immer Ärger, wenn Vati nach Hause kam. Dann ließen sich seine Eltern  scheiden. Mutti nahm den Job im Kaufhaus noch zusätzlich an, um die Schulden fürs Haus zu bezahlen. Auch für Leonard war das eine schwere Zeit. Zum Glück lebte damals Oma noch. Meistens war er bei ihr und wenn er etwas auf dem Herzen hatte war sie für ihn da. Leider war sie vor einem halben Jahr gestorben. Voriges Jahr hatten sie noch zusammen Advents- und Weihnachtslieder gesungen.
Jetzt war Leonard  einsam. Er saß vor dem Computer und spielte irgendein Spiel, doch das war nicht wirklich interessant. Heute Abend muss ich noch einmal raus, sagte er sich, und zog sich an. Es war nicht das erste Mal, dass er Abends durch das Dorf ging, die schön geschmückten Weihnachtsbäume draußen betrachtete, in die erleuchteten Fenster sah und sich vorstellte, wie drinnen glückliche Kinder mit ihren Eltern zusammen saßen. Er ging durch das Dorf, zuerst durch das Neubaugebiet, dann durch den alten Ort. Spinne ich, fragte er sich, das klingt doch wie ein Weihnachtslied, wer macht denn in dieser Kälte das Fenster auf und stellt das Radio so laut? Natürlich zog es ihn in Richtung Musik. Er lief schneller um zu sehen woher sie kam. Als Leonard um die Ecke bog sah er zu seinem Erstaunen, dass es gar kein Radio gab. Acht Leute standen mit Trompeten und anderen Blechblasinstrumenten in einem Halbkreis und spielten „Tochter Zion“.  Leonard kannte dieses Lied, weil das das Lieblingslied seiner Oma gewesen war. Nachdem es zu Ende war, sagte ein Mann eine Nummer an, und die anderen blätterten in ihren Büchern. „Macht schnell“, rief ein Bläser, „sonst friere ich ein, meine Ventile haben vorhin schon geklemmt.“ Nicht nur die Trompeten, auch die Finger litten unter der Kälte. Das war wohl der Grund, warum das Blättern nicht so schnell vonstatten ging. Der Mann fragte: „ Können wir?“ Alle wollten beginnen, da rief einer „Mein Zug klemmt“. „Mein drittes Ventil ist auch fest“, sagte ein anderer. Da meinte der Chef: „Hier hilft nur Schnaps“. Ein Bläser ging an seine Tasche, holte eine Flasche hervor und füllte ein wenig in sein Instrument. Die Flasche machte die Runde, jeder gab einen Schluck ins Instrument und nahm sich selbst auch noch einen. Jetzt waren die Instrumente wieder fit und es ging los.  Drei Lieder schafften die Bläser, und Leonard hörte aufmerksam zu. Die Lieder erinnerten ihn daran, wie schön es war, als er sie immer mit Oma gesungen hatte. Nachdem die Instrumente schon wieder  eingefroren waren, wollten die Bläser an eine andere Stelle- in der Hoffnung, dass die Instrumente dort nicht so schnell ausstiegen. Leonard ging zu dem Posaunenchor und fragte, ob er mitgehen könne. „Natürlich, sehr gern“, sagte ein Trompeter, „wir sind froh, wenn überhaupt jemand bei der Kälte zuhört.“ „Na, na, bitte nicht übertreiben!“ entgegnete ein anderer. „Siehst du nicht die offenen Fenster dort drüben?“
So zogen sie gemeinsam zum nächsten Platz. Nachdem sie da auch ein paar Lieder gespielt hatten, nahmen sie noch einmal alle Kräfte zusammen. Sie hatten sich nämlich vorgenommen noch auf einem dritten Platz zu spielen. Leonard folgte auch hierhin. „Wir hätten dir gern noch `Rudolf, das kleine Rentier’ gespielt, sagte einer der Bläser, „aber heute sind dafür die Instrumente zu steif.“ „Das ist nicht so schlimm, die alten Lieder gefallen mir sowieso  viel besser“, meinte Leonard. Ein anderer fragte: „Sag mal, du frierst wohl noch nicht?“„ Es geht so, ich wollte aber gern bis zum letzten Lied bleiben“. „Wenn du willst kannst du mit reinkommen. Ich wohne hier, und wir wollen uns jetzt aufwärmen“. Leonard überlegte, Mutti hatte ihm ja verboten, einfach mit unbekannten Menschen mitzugehen.  Da er aber einige schon öfter im Dorf gesehen  hatte, ging er mit. Außerdem war ihm wirklich kalt. Der Bläser, Gerd hieß er,  hatte sich im Keller einen Partyraum eingerichtet. Dieser Raum wurde heute eingeweiht. Im Ofen brannte das Feuer und heiße Getränke gab es genug. Die Erwachsenen tranken Glühwein und Leonard bekam Tee. „Deine Eltern werden sich schon fragen wo du bleibst“, fragte ein Mann nachdenklich, es war  Herr Knechter. „Ich habe nur Mutti“, sagte Leonard, und die kommt erst spät nach Hause, sie muss heute noch extra lange bleiben, um  Regale im Supermarkt einzuräumen“.  „Dann kannst du auch zum Abendbrot bleiben“, sagte Gerd. „es gibt überbackenen Toast“  Leonard war das ganz recht, allein schmeckte es ihm sowieso nie.
Als die Bläser aufgetaut waren ging es ganz lustig zu. Jeder hatte etwas zu erzählen. Es war nur kurze Zeit still, als die Toastbrote erschienen. Leonard wurde öfter aufgefordert zuzulangen. Zuerst war er noch schüchtern. Da sagte Herr Knechter: „ Lang nur richtig zu! Guck dir den Langen dort an, der lebt nach der Devise:  Wenns mir die Gastgeber gern geben, dann freuen sie sich, wenn ich esse, und wenn sie es mir nicht gern geben, dann habe ich sie wenigstens richtig geschädigt“. Der lange Bläser war von diesem Spott unbeeindruckt geblieben, wahrscheinlich hatte er so etwas schon öfter gehört. Alle forderten Leonard auf zu essen und er langte wirklich gehörig zu. Am Ende musste er  den obersten Hosenknopf aufmachen, um Luft zu holen. Fühlte Leonard sich hier deshalb so wohl, weil die Bläser lustige Geschichten erzählten, die sie mit dem Posaunenchor erlebt hatten? Jedenfalls verging die Zeit unbemerkt. Etwa halb zehn sah Leonard zufällig auf die Uhr und bekam einen Schreck. Mutti kommt gleich heim, und er ist nicht da! Leonard verabschiedete sich schnell und rannte los. Er kam an der Haustür an, gerade als seine Mutter die Tür aufschließen wollte. Au weia, das gab gehörigen Ärger. Leonard musste nach der Standpauke sofort ins Bett. Besonders sauer war Mutti, dass Leonard einfach zu Leuten ging, ohne sie zu kennen und ohne das sie Bescheid wusste. Am nächsten Morgen haben die zwei dann noch einmal miteinander geredet. Am Anfang hatte Leonard ganz schlechte Karten, doch als er dann erzählte dass er nur ins Dorf gegangen sei, weil er so alleine war, bekam Mutti ein schlechtes Gewissen.
„Du“,  meinte Leonard, „wenn ich Trompete lernen könnte, könnte ich doch wieder zu den Bläsern, weil die dann keine Fremden mehr für mich sind“. Auch wenn diese Argumentation sehr durchsichtig war musste Mutti über ihren Sohn lachen.  „Im Ernst“, sagte sie dann, „willst du wirklich Trompete lernen? Wie war es denn, als du mit Fußball begonnen hattest? Drei Mal warst du dort. Beim Tischtennis hast du es auch nicht länger ausgehalten,  und die Pferde, die du geritten hast sind auch schon längst  gestorben“. „ Das stimmt“, sagte Leonard, „aber das hier ist etwas anderes“. „War es nicht immer etwas anderes?“, fragte Mutti.  „Ich habe mich richtig wohl gefühlt“,  meinte Leonard. „Ja, wenn man feiert, fühlt man sich eigentlich immer wohl, aber ein Instrument lernen ist Arbeit.“ „Andere haben es auch geschafft“, entgegnete Leonard. „Das kann schon sein, aber mir passt es nicht,  dass du in der Kirche ein Instrument lernst. Du weißt doch, dass ich mit der Kirche nichts am Hut habe.“ Leonard wollte aber unbedingt Trompete lernen. Mutti versprach ihm in der Musikschule nachzufragen, was so eine Ausbildung kostet. Als ihr die Summe genannt wurde, wusste sie, dass sie sich das nicht leisten konnte. Trotzdem war sie immer noch nicht einverstanden dass Leonard beim Posaunenchor lernte. Das machte ihn sehr traurig
Weihnachten rückte immer näher und damit das nächste Problem für Leonard. Solange Oma noch lebte, war er mit ihr am heiligen Abend immer in die Christvesper gegangen. Der riesige Tannenbaum in der Kirche, die vielen Kerzen, das Krippenspiel und die vertrauten Weihnachtslieder zur Orgel und mit dem Posaunenchor- wie schön! Nur leider war Mutti nie mitgegangen. Leonard versuchte alles um Mutti zu überreden, mit in die Kirche zu gehen. Er versprach den Baum zu schmücken, den Tisch zu decken, aufzuräumen, sogar die Wäsche zu waschen, wenn es nur in die Kirche ging, auch auf alle Geschenke wollte er verzichten.  Da er wusste, dass die Bläser dort sein würden, hoffte er Mutti doch noch vom Posaunenchor zu überzeugen. Schließlich lenkte Mutti ein. Gemeinsam ging es in die Kirche. Der Posaunenchor hatte sich auf der ersten Empore einen Platz eingerichtet. Hier standen genug Stühle für alle Bläser. Leonard ging mit seiner Mutter natürlich dort hin. Gerd rief schon als er ihn von weitem sah: „Leonard, ich habe extra einen Stuhl für dich besorgt. Du kannst dich neben mich setzen“. Auch für Mutti war noch ein Platz frei. Der Gottesdienst war wieder sehr schön. Leonard sang alle Lieder mit so laut er konnte. Gegen die Trompeten hatte er aber trotzdem keine Chance. Am Ende, als die Leute gingen, stellte er seiner Mutter die Bläser vor. Bei Herrn Knechter  sagte er: „Mutti, das ist Herr Knechter, der würde mir das Trompetenspielen beibringen, wenn du es erlaubst, der Posaunenchor hat sogar eine alte Trompete fürs erste und ein Lehrbuch“.  „Na gut, wenn die Schule nicht darunter leidet und du nicht nach drei Wochen wieder aufhörst“.„Versprochen“, sagte Leonard und umarmte seine Mutter. Zu Hause gab es zwar noch einige Überraschungen, aber das war sein schönstes Weihnachtsgeschenk. Wenn ich groß bin, dachte Leonard, dann werde ich ein berühmter Trompeter, und Mutti wird noch froh sein, dass sie zugestimmt hat.

 

* zur nächsten Geschichte

* zurück zur Übersicht