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7. Herr Knechter und der Westbesuch
Nach dem gemeinsamen Bläserwochenende änderte sich einiges in Leonards Leben. Es fing damit an, dass Gerd ihn fragte ob er ihm am nächsten Wochenende mal beim Bauen helfen könne. Gerd lebte bei seinen Eltern auf einem Bauernhof und baute sich dort gerade eine Wohnung aus. Eigentlich konnte Leonard Gerd nicht besonders leiden, doch er sagte trotzdem zu. Die Bauarbeiten machten Leonard viel Spaß, besonders, weil Gerd ihn nicht als kleinen Jungen behandelte. Am Abend gab es dann „zur Feier des Tages“ Bratwurst und Brätel. (Später stellte Leonard fest, dass es bei Gerd immer nach einem Arbeitseinsatz „zur Feier des Tages“ Bratwurst und Brätel gab.) Gerd wollte jedoch seine Arbeit noch fertig machen und gab Leonard eine Heißluftpistole um die Holzkohle, anzuzünden. Anfänglich schien die Holzkohle kein Feuer zu fangen, und Leonard steckte die Spitze des Gerätes hinein. Gerd rief noch einmal nach seinem Bauhelfer, der vergaß aber im Eifer des Gefechtes, die Pistole auszumachen. Nach einer Weile lag ein Duft von verschmorter Plaste in der Luft. Als Leonard das roch, bekam er einen Schreck und rannte zum Bratwurstrost. Das Feuer loderte hell, und der Hals der Heißluftpistole war verschmort! Leonard wurde blass. Er ging mit hängendem Kopf zu Gerd um zu beichten. „Na, Heißluftpistole verschmort?“ fragte Gerd „Ja“, sagte Leonard. -„Geht sie noch?“ -„Ja“ „Keep cool, Alter“, lautete Gerds Lieblingsspruch, „nur wer nichts macht, macht auch nichts falsch“
Damit war die Angelegenheit zu Ende. Der Gerd scheint doch nicht so verkehrt zu sein, dachte Leonard, und bot seine Hilfe für weitere Baueinsätze an.Von nun an half er mindestens einmal pro Woche. Die beiden verstanden sich immer besser und ab und zu gab’s auch etwas Taschengeld. Leonard lernte viel als Bauhelfer. Als er das erste Mal den Abfluss in der Küche zu Hause erfolgreich reparierte, war auch seine Mutter davon überzeugt.
Die zweite Person, die für Leonard wichtig wurde, war Gerds Oma. Sie war zwar über 80 Jahre aber, noch sehr rüstig. Von Anfang an hatte sie Leonard ins Herz geschlossen. Als sie merkte, dass Leonard ein Süßmaul war, stand immer ein Schälchen Pudding oder eins mit grüner Götterspeise, Leonards Leibgericht, in der Speisekammer. Immer, wenn er kam, stand die Oma in der Tür und sagte: „Komm erst mal rein, gearbeitet ist dann schnell. Ich hab auch was Gutes für dich.“ Dieser Aufforderung konnte er nicht widerstehen. Gerds Oma war ein prima Gesprächspartner. Mit der Zeit wurden die beiden ein Herz und eine Seele.
Eines Tages, Gerd war auch dabei, fragte sie: „Wann kommst du eigentlich aus der Schule?“ -„Jetzt bin ich in der siebten Klasse, da habe ich noch drei Jahre Zeit, vielleicht mache ich auch noch Abitur.“ „Oma meint, wann du konfirmiert wirst“, sagte Gerd „Ich weiß nicht, ob ich konfirmiert werde, meine Mutter will, dass ich Jugendweihe mache.“ „Du gehst jede Woche in den Posaunenchor und willst Jugendweihe machen?“ Gerds Oma sah richtig wütend aus. „Man muss doch wissen wo man hingehört!“
Am Ende des Tages nahm Gerd Leonard beiseite. „Siehst schlecht aus, Alter. Ist es wegen Oma?“ Leonard nickte,„Keep cool, der Spruch, Man muss wissen wo man hingehört, den kenn ich zur genüge. Als die Kommunisten die Zwangskollektivierung angeordnet hatten, haben sich meine Großeltern so gut dagegen gewehrt wie es ging. Als sie trotzdem in die LPG eintreten mussten haben sie sich zu Kirche gehalten und viele Nachteile eingesteckt. Immer hat sie sich an diesen Spruch gehalten. Wenn du Jugendweihe machst bekommst du bestimmt kein Geschenk von ihr, denn konsequent ist sie. Zur Konfi würde sie sich nicht lumpen lassen, so gern wie sie dich hat.“ „Mir geht´s nicht um die Geschenke, aber kann ich denn jetzt noch zu euch kommen?“ Gerd lachte „rate mal was Oma gerade in die Speisekammer gestellt hat, grüne Götterspeise.“
Auch eine andere Gewohnheit gab es seit dem Bläserwochenende. Jeden Sonntag um 19.00 Uhr wartete Leonard auf einen Anruf. Er freute sich schon die ganze Woche darauf, mit Dorothea sprechen zu können. Dorotheas Eltern hatten einen Anschluss, bei dem sonntags keine Gebühren fällig werden. Das war auch gut so, denn die Gespräche dauerten mindestens eine halbe Stunde, meist sogar noch länger. Leonards Mutter hat ihm vorgeschlagen seine kleine Freundin ( „Is nicht meine Freundin“, hatte er gesagt) einzuladen. Nach einigem Hin und Her haben sie sich auf das Pfingstfest geeinigt. Dorotheas großer Bruder wollte nach Sachsen zu einem christlichen Treffen fahren, da bot es sich an sie mitzunehmen. In der Woche vor Pfingsten war viel zu tun bei Leonard zu Hause. Mutti putzte, wusch und backte, und Leonard musste mit helfen. So einen Aufriss macht Mutti doch sonst nicht, dachte Leonard. Wenn ich einen Klassenkameraden mit nach Hause bringen will, sagt sie nur ich soll vorher mein Zimmer aufräumen. Jetzt, wo das „Mädchen aus dem Westen“ kommt, stellt sie das ganze Haus auf den Kopf. Ob alle Frauen so sind?
Endlich war es so weit, an Freitagabend kam Dorothea an. Leonard war ganz aus dem Häuschen. Leonards Mutter und Dorothea verstanden sich auf Anhieb. Das versprach ein schönes Wochenende zu werden. Alle saßen gemeinsam am Abendbrottisch, Leonard wollte gerade mit essen loslegen, da bemerkte er, dass Dorothea auf etwas wartete.„Was ist denn?“, fragte er. „Mir bäde erscht vorm esse“, sagte Dorothea. „Ich wasch mir bloß die Hände“, meinte Leonard, „was habt ihr denn da für eine riesige Wasserrechnung?“ „Wir baden nicht, wir beten“ erwiderte Dorothea in besonders betontem Hochdeutsch. „Na, wenn du das von zu Hause gewöhnt bist, dann kannst du ja auch bei uns beten“, sagte Leonards Mutter. Leonard fiel bald das Essen aus dem Gesicht. Das hatte er von seiner Mutter nicht erwartet, wo sie sonst doch nichts mit der Kirche am Hut hatte.
Nach dem Abendbrot machten die beiden einen Spaziergang durchs Dorf. Sie gingen weiter zu Pastor Frömmle. Pastor Frömmle war früher der Pfarrer der Partnergemeinde gewesen. Als nach der Wende in Leonards Heimatort eine Pfarrstelle frei wurde zogen er und seine Frau nach Thüringen. Dorotheas Vater, der Posaunenchorleiter der Partnergemeinde, ließ durch seine Tochter einen Gruß übermitteln. Bei der Gelegenheit sagte Pastor Frömmle: „Leonard, wenn du konfirmiert werden willst, müsstest du dich aber spätestens nächste Woche anmelden, um noch an allen Konfirmandenstunden teilzunehmen“.
Auf dem Weg zu Gerd erzählte er Dorothea von seinen Problemen mit der Konfirmation .Er erzählte ihr auch von Gerds Oma, ihrer Reaktion und davon, wie gern er selbst konfirmiert werden würde. Seine Mutter will aber nicht, dass er konfirmiert wird. Das würde sie nie zulassen. Als die zwei, ins Gespräch vertieft an einer Bank vorbei kamen schlug Dorothea vor sich darauf zu setzen und für die ganze Sache zu beten. Leonard kam sich komisch vor. Hier auf der Bank in aller Öffentlichkeit zu beten wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Weil es aber Dorothea war, die den Vorschlag gemacht hatte, ließ er sich darauf ein. Sie setzten sich und sagten Gott leise welche Probleme Leonard bedrückten.
Nach dem Amen fragte er: „Sag mal, bei Euch in Schwaben, beten da alle so öffentlich auf der Straße, wenn sie ein Problem haben?“ „Nein“, sagte Dorothea. „Und hier traust du dich“? „Na klar, hier kennt mich doch keiner“. - „Beten deine Eltern auch?“ „Klar“, antwortete Dorothea, „mein Vater betet sogar jeden Tag für alle Bläser aus dem Posaunenchor und für unseren Posaunenwart“ „Woher weißt du denn das?“ „Das habe ich durch Zufall mal mitgekriegt. Manchmal kommt es sogar vor, dass der eine oder andere Bläser kommt, wenn er ein Problem hat, und dann beten sie zusammen dafür.“ Leonard erzählte daraufhin von seinen Erfahrungen mit dem Gebet, aber auch von einem Lehrer, der im Unterricht einmal abfällig gesagt hatte Beten sei Kinderkram. Auf dem Weg zu Gerd sagte Leonard: „Morgen gibt es Thüringer Bratwurst. Ich habe sie extra aus dem Fleischerladen neben der Schule geholt, denn der Fleischer macht die besten. „ Wusstest du übrigens, dass unsere Bratwürste schon vierhundert Jahre alt sind?“ „Was vierhundert Jahre?“, fragte Dorothea, „Und solche alten Dinger gibt es morgen?“ Leonard fasste Dorothea im Spaß an die Stirn. Den Dorfrundgang beendeten sie bei Gerd.
„Kommt nur erst mal rein und esst eine Bratwurst mit. Ich wusste ja, dass Dorothea mitkommt da habe ich heute ganz besonders gute Bratwürste besorgt“, sagte Gerd. „ Ich war extra in Weimar. Dort gibt es einen Fleischer, der macht die besten“.Gerds Oma wollte natürlich auch das „Mächen aus dem Westen“ sehen. Die zwei blieben schließlich länger als sie sich vorgenommen hatten, so wohl fühlten sie sich.
Am Samstag unternahmen Dorothea, Leonard und seine Mutter einen Ausflug. Dorothea war begeistert von Leonards Heimat. Am Abend waren sie gemeinsam in den Nachbarort eingeladen. Dort spielte der Posaunenchor immer zum Kirmesgottesdienst. Auch Leonards Mutter kam mit. Hinterher wurden die Bläser stets von einem Kirchenältesten in seinen Garten ans Lagerfeuer eingeladen. Mit den Worten: „Kommt nur, die Bratwürste liegen schon auf dem Rost! Mein Mann war extra in Erfurt. Dort kennt er einen Fleischer, der macht die besten“, wurden sie von der Hausfrau eingeladen. Es war sehr gemütlich am Feuer. Einige Bläser hatten ihre Frauen mitgebracht und gingen später noch tanzen .Die anderen saßen noch bis spät in die Nacht, sahen in die Flammen und unterhielten sich.
Am nächsten Vormittag war der Posaunenchor schon wieder in Aktion. Seit Pastor Frömmle in der Gemeinde lebte wurde der Pfingstgottesdienst als Gottesdienst im Grünen gefeiert. Alle Gemeindeglieder der Dörfer, die Pastor Frömmle betreute, wurden dazu eingeladen. Auf einer Waldlichtung fand dieser Gottesdienst statt, der auch gern besucht wurde.
Nach dem Gottesdienst gab es Bratwürste. Dieses Mal war der Kirchenchor an der Reihe mit dem braten. Der Chorleiter lud alle Gäste mit den Worten ein: „Gleich gibt es Rostbratwürste. Greifen Sie ruhig zu. Ich war gestern extra noch in Jena bei meinem Fleischer und habe dort welche geholt, denn der macht die besten Bratwürste“.
Dorothea konnte das Wort Bratwürste nicht mehr hören. Auch wenn es bei jedem Gastgeber die bester ihrer Art gab, hätte sie gern mal etwas anderes aus der Thüringer Küche probiert.
Auch Leonards Hunger auf Bratwürste war gestillt. Zum Glück wollten sie nach dem Gottesdienst Essen gehen. Leonard empfahl Dorothea natürlich eine seiner Leibspeisen, Thüringer Klöße.
Am Abend waren Dorothea, Leonards Mutter und Leonard zu Herrn Knechter eingeladen. Als sie ankamen, brannte der Bratwurstrost. Dorothea sah das und blickte sie Leonard mit großen Augen an: „Bratwürste?“ „Nur von den besten“, sagte Leonard schelmisch blinzelnd.
„Hallo!“ Herr Knechter kam freudestrahlend auf seine Gäste zu. „Eigentlich sollte es heute Bratwürste geben, ich bin extra nach Eisenach gefahren. Dort arbeitet mein Schulfreund, der macht die besten Bratwürste, die ich kenne. Aber Vorgestern und heut morgen gab es auch schon Bratwürste, da habe ich sie lieber eingefroren, und wir grillen Fisch.“ Dorothea atmete erleichtert auf.
Es war sehr gemütlich bei Herrn Knechter. Er lebt auf einem Bauernhof und hat einen großen Garten. Weil er die Gartenfläche nicht für sich braucht, hat er Rasen angesät und sich zwei biologische Rasenmäher angeschafft. Etwa dreißig Meter von der Terrasse entfernt standen sie in ihrem Pferch. Herr Knechter hatte eine kleine Umzäunung mit Stangen gebaut. Während Herr Knechter und Leonards Mutter nach dem Abendessen sitzen blieben, gingen Dorothea und Leonard zu den Schafen. Sie kletterten auf den Zaun und setzten sich auf die oberste Stange.
„ Weißt du, meine Mutter und mein Vater sind doch geschieden“ - „Ja“, fragte Dorothea. „Na ja mit denen wird’s doch sowieso nie wieder etwas, und Mutti ist doch alleine“ - „Ja, und?“ - „Na ja, der Herr Knechter hat doch auch keine Frau, könnten wir da nicht mal zusammen beten?“ - „Wofür beten?“ Dorothea war dieses Mal etwas schwer von Begriff. Doch dann verstand sie, was Leonard meinte. „Also“, sagte sie, „Gott ist kein Automat in den man ein Gebet hineinwirft und dann kommt eine Erhörung heraus“. Plötzlich bekam sie ein Blitzen in die Augen, sie lächelte: „Aber probieren können wir es trotzdem“.
Am nächsten Morgen war die Stimmung am Frühstückstisch nicht besonders. Bald würde Dorotheas Bruder kommen und sie wieder abholen. Leonard hätte sie am liebsten nicht wieder fortgelassen. „Schade, dass du fort musst“, sagte er, „da können wir doch wieder nur telefonieren“. „Ich wäre auch noch gern hier geblieben, aber nur, wenn es keine Bratwürste mehr gibt“, meinte sie. Dann hatte Dorothea einen Einfall. „Wie wäre es denn, wenn du zu meiner Konfirmation kommst?“ und zu Leonards Mutter gewandt sagte sie, „Sie sind natürlich auch eingeladen.“„Wenn deine Eltern nichts dagegen haben, kommen wir gerne, und du kommst dann mit deinen Eltern zu Leonards Konfirmation.“ Bei den Worten seiner Mutter verschluckte sich Leonard, und Dorothea musste ihn kräftig auf den Rücken schlagen. Als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er schnell, so als wollte er verhindern, dass sich seine Mutter die Sache anders überlegt: „Ich gehe gleich morgen zu Herrn Frömmle und melde mich an“.
Der Besuch hatte so also ein bittersüßes Ende. Eigentlich war Leonard froh, dass das Problem mit der Konfirmation so eine Lösung gefunden hatte. Doch der Abschied von Dorothea fiel ihm sehr schwer. Als sie ins Auto stieg und abfuhr, musste er sich sogar eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Abends im Bett dachte er noch einmal über das Wochenende nach. Die Sache mit dem Gebet musste er weiter verfolgen, auch wenn Gott kein Automat ist.
„Wenn ich groß bin, dann will ich trotzdem beten, auch wenn manche Erwachsene das für Kinderkram halten, sagte sich Leonard.
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