|
6. Herr Knechter und das Bläserwochenende
„Leonard, kommst du mit zum Bläserwochenende?“ fragte Herr Knechter. „Der Posaunenchor unserer Partnergemeinde hat uns eingeladen. Wir kennen uns schon viele Jahre. Vor der Wende waren die Bläser fast jedes Jahr bei uns, und nach der Wende waren wir öfter in Baden Württemberg. Mittlerweile haben wir es so eingerichtet, dass wir alle zwei Jahre, auf halber Strecke zwischen Thüringen und Württemberg ein Freizeitheim buchen, um uns dort zu treffen, miteinander zu blasen und etwas zu unternehmen. Das wird bestimmt eine großartige Sache“. „Ich werde meine Mutter fragen, ob sie etwas dagegen hat, aber ich glaube sie ist froh, wenn sie mal ihre Ruhe hat“, antwortete Leonard begeistert. Seine Mutter hatte nichts dagegen und so fuhr er mit. Am Abfahrtstag trafen sich alle. Sie fuhren mit vier Autos. Gerd aus der zweiten Stimme hatte ein Schild gemalt „Posaunenchor on tour“ Einer der Bläser sagte dazu, es müsse heißen: „Posaunenchor macht tut“. Gerd erzählte, dass er sich einen Ausdruck der Wegbeschreibung aus dem Internet geholt hatte. Er sagte; „Das Ding ist so gut wie ein Bordcomputer. Gerd und Leonard fuhren mit Herrn Knechter. Gerd saß vorn, weil er ja die Wegbeschreibung hatte. Leonard hätte auch gern vorn gesessen. Nachdem sie die Autobahn verlassen hatten, es dämmerte gerade, ging es in die Pampa. Gerd bestimmte, wo es lang ging. Rechts, links, geradeaus und so weiter. Nachdem sie zum dritten Mal über eine Kreuzung gefahren waren, jedes Mal aus einer anderen Richtung meinte Herr Knechter: „ Gerd, könntest du vielleicht doch mal den Atlas nehmen?“. Es dauerte noch eine ganze Weile ehe sie am Heim ankamen. Sie hatten einen Umweg von etwa fünfzig Kilometern gemacht. Die anderen waren schon alle da. Die fragten die Ankömmlinge nur scheinheilig: „Euer Bordcomputer hat wohl nicht richtig funktioniert“?
Die kleinen Spitzen waren aber gleich wieder vergessen, denn sofort umringten die Bläser der Partnergemeinde das Auto. Das gab eine Wiedersehensfreude! Für Leonard war natürlich alles neu. Es dauerte gar nicht lange, da war dieses Gefühl verschwunden. Besonders gefiel es ihm, dass der Posaunenchor der Partnergemeinde auch einen Jungbläser hatte. Der Jungbläser war eigentlich eine Jungbläserin und hieß Dorothea. Sie zeigte ihm das ganze Haus. Über das Billardzimmer staunte er vor allem. Die beiden verabredeten sich sofort zum Billard nach dem Abendbrot. Beim Billardspielen erzählte Dorothea, dass ihr Name „Gabe Gottes“ bedeutet. Leonard dachte sich, dass der Name gar nicht so schlecht zu ihr passte.
Beim Spiel wollte er Ihr seinen Lieblingswitz erzählen. Er fragte: „Wie heißt der dümmste Bahnhofsvorsteher in Thüringen?“ Dorothea wusste es natürlich nicht. „Na, der aus Sömmerda, denn immer wenn der Zug ankommt, ruft er: sömmer da“? Als keine Reaktion von ihr kam, sagte er noch mal: „ SÖMMER DA“. Doch Dorothea verstand diesen Witz nicht. Sie erklärte das so: „Das ischt, weil ihr so komisch redet.“ Leonard mochte Dorothea gut leiden, so verzichtete er darauf dieses Thema auszudiskutieren. Am nächsten Morgen zum Frühstück bat Dorothea um das Gsels. Als er ihr darauf das Salz gab sagte sie: „Die MARMELADE.“ Leonard meinte nur: „Und wir reden komisch!“
An diesem Tag standen hauptsächlich Proben und ein Ausflug nach Nördlingen auf dem Programm. Beide Programmpunkte absolvierten Dorothea und Leonard zusammen. In Nördlingen machten die beiden die Stadtführung auf der Stadtmauer mit. Hinterher hatten sie noch eine Stunde Zeit, um die Gegend zu erkunden. Sie kamen an ein kleines Rinnsal. Leonard sprang drüber, Dorothea streckte ihre Hand aus und sagte: „Hebscht mi?“ Leonard meinte: „Wenn ich dich jetzt anhebe, fallen wir beide ins Wasser“. „Du sollst mir deine Hand geben“. Jetzt verstand Leonard und versuchte schwäbisch zu sagen: „Ihr schwätzt arsch unverständlich“. Dorothea sah ihn an, dachte einen Augenblick nach und meinte dann: „Das heißt arg, Arsch ist etwas anderes“. Beide mussten auf einmal laut lachen. Auf dem Rückweg zum Heim verfuhren Herr Knechter und Gerd sich dann wieder verfahren. Zur Ehrenrettung von Herrn Knechter muss man aber sagen, dass sich alle, bis auf ein Auto, auf den kleinen Nebenstraßen verfranst hatten.
Am Abend gab es dann rege Diskussionen. Man wollte am nächsten Morgen in ein nahe gelegenes Nonnenkloster fahren, um zur Messe zu spielen. Als Zugabe stand das Lied „Jesus, dein Licht“ zur Auswahl. Manche meinten, solche christlichen Popsongs könnte man doch nicht im Kloster spielen. Herr Knechter sagte: „Nonnen sind auch nur Menschen, warum sollten gerade die auf moderne Musik verzichten wollen?“ Man einigte sich dann, dass man das Lied spielt, auch auf die Gefahr hin im hohen Bogen aus dem Kloster geworfen zu werden.
Die Messe in der wunderschönen Klosterkirche war richtig feierlich. Die Nonnen bedankten sich viele Male, dass die Bläser solchen Glanz in den Klosteralltag gebracht hätten. Herr Knechter versprach noch eine Zugabe und las sicherheitshalber den Text des Liedes vor. Dorothea und Leonard spielten nicht mit, da das noch zu schwer für sie war. Sie hatten so Zeit die Nonnen zu beobachten. Als „Jesus, dein Licht“ erklang, huschte ein Leuchten über die Gesichter als ob jemand den Schwestern das Licht angeknipst hätte.
Nach der Messe ging es noch einmal zum Heim, wo man ein Abschiedsständchen für die Heimeltern bringen wollte. Die beiden Jungbläser standen natürlich wieder zusammen. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie so unkonzentriert waren. Sie hatten beim Aufstellen des Notenständers nicht darauf geachtet, dass alle Schrauben richtig festgezogen waren. Mitten im ersten Lied war es dann so weit. Der Notenständer sackte zusammen und war nur noch für Zwerge zu gebrauchen. Als die beiden wieder alles in Ordnung gebracht hatten, war das Lied zu Ende. Man schlug das nächste Lied auf und setzte an zu spielen. Nach drei Takten gab es eine kleine Windböe. Die Seiten verblätterten, und unsere Jungbläser waren wieder weg. Der Chorleiter der Partnergemeinde, Dorotheas Vater, sagte beim nächsten Lied an: „Choralbuch 334, Ich singe dir mit Herz und Mund“. Die beiden Jungbläser, die die Vorkommnisse immer noch auswerten mussten, hatten Nummer 224“Du hast zu deinem Abendmahl“, aufgeschlagen. Der Chorleiter hob die Arme und musste nach dem ersten Takt wieder abwinken. Er warf seiner Tochter einen bösen Blick zu. Leonard fühlte sich genau so schuldig und bemühte sich eilig die richtige Seite aufzuschlagen. Das vierte Lied sollte von einem Blatt gespielt werden. Da die Bläser am Nachbarpult ihr Blatt vergessen hatten wurde den Jungbläsern noch ein Posaunist zugeteilt. Dieser Bläser hatte seine Brille vergessen. Um nun trotzdem alles richtig zu spielen ging er immer näher zum Pult. So geschah es nicht nur, dass Dorothea und Leonard von Ihrem Ständer verdrängt wurden, nein, der Posaunist erwischte mit seinem Zug auch noch den Notenständer. Der wackelte gefährlich hin und her, fiel aber nicht um. Für die beiden reichte es aber, dass sie den Faden verloren. Die nächsten Lieder waren zum Glück nur von den älteren Bläsern zu spielen. Nach dem Ständchen nahm Herr Knechter Leonard beiseite: „Na, das war ja heute keine Glanzleistung“. Auch Dorotheas Vater schien so etwas Ähnliches zu ihr gesagt zu haben.
Mit einem gemeinsamen Mittagessen ging die Bläserfreizeit zu Ende. Der Abschied war nahe und allen tat es leid, dass sie sich wieder trennen mussten. Besonders die beiden Jungbläser wären gern noch eine Weile zusammen geblieben. Als sie ins Auto gestiegen waren, fragte noch jemand, ob Gerd seinen Bordcomputer repariert hätte. Der Angesprochene zog es vor, diese Bemerkung zu ignorieren. Leonard aber saß ganz still und dachte während der ganzen Heimfahrt über das Erlebte nach. Zu guter Letzt sagte er sich: „Wenn die Sprache nicht wäre, würde ich gerne ein Schwabe werden, wenn ich groß bin.“
|