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5. Herr Knechter und der Weihnachtsbaum

Heute war in der Probe was los! Kurz vor dem Heiligen Abend liegt sowieso immer Spannung in der Luft. Keiner kann mehr Weihnachtslieder sehen, doch Herr Knechter übt und übt mit den Bläsern, damit ja nichts schief geht. Schließlich ist das fast der einzige Gottesdienst im Jahr, bei dem es mehr Zuhörer als Bläser gibt. Heute aber war es besonders schlimm. Der Chorleiter war nervös und die Bläser tuschelten und kicherten.„Was ist denn heute los?“, rief er ärgerlich. „Könnt ihr euch denn nicht zusammennehmen? Ich weiß ja, dass ihr euch eine ganze lange Woche nicht gesehen habt. Eure Witze könnt ihr trotzdem hinterher erzählen.“ „Aber das mit dem Weihnachtsbaum, das ist doch kein Witz.“, sagte Jungbläser Leonard.„Welcher Weihnachtsbaum?“ „Sie sind der einzige, der die Geschichte noch nicht kennt. Wenn sie wollen, dann erzähle ich sie schnell.“„Schnell, schnell“, höhnte es aus der ersten Stimme, denn man kannte Leonards langatmige Erzählweise schon.„Also gut“, meinte der Chef. „Wer etwas zu sagen hat, der rede, und dann schweigt für immer!“

Das war die Aufforderung für Leonard. Er lehnte sich zurück, faltete die Hände über dem Bauch und holte tief Luft. „Also ...“ „Fasse dich kurz!“ schon wieder die erste Stimme.

„Also“, sagte Leonard „wie ihr wisst, hat unsere Gemeinde kein Geld. Aber jetzt, wo wir das neue Gemeindehaus gebaut haben, brauchen wir doch unbedingt einen schönen großen Weihnachtsbaum. Wir wissen ja alle, dass unser Bürgermeister ein flinkes Bürschen ist. Er ging zu Hubert, dem Gemeindearbeiter, und beauftragte ihn, eine Fichte vom Dorfplatz zu schlagen. Nächstes Jahr soll hier sowieso gebaut werden, wer weiß schon, ob alle Fichten überleben, außerdem stehen ja noch zwei dort. Hubert gehorchte der Stimme seines Herrn und zog los. Am Dorfplatz angekommen warf er seine Motorsäge an und sägte den schönsten Baum ab. Kaum lag der Baum auf der Erde, da kam Kunze Fritz aus seiner Torfahrt. “Ihr Verbrecher“, schrie er, „den Baum hat unsere Oma noch vor 15 Jahren gepflanzt, ihr Lumpen kriegt den Baum nicht.“ Ehe Hubert recht zur Besinnung kam, schnappte Fritz den Baum und zog ihn in seinen Hof.

Hubert war das auch recht. Er ging zum Bürgermeister und berichtete alles haarklein. Da unser Bürgermeister ja immer gewählt wird, obwohl ihn keiner mag, freute sich rasch das ganze Dorf über diese Schlappe. Da der Dorfhäuptling das wusste, überlegte er, was zu tun sei.

Am nächsten Morgen lag ein Brief bei Kunzes im Briefkasten.

Sehr geehrter Herr Kunze,

da Sie am gestrigen Tage den Tannenbaum unrechtmäßig an sich genommen haben, fordere ich Sie hiermit auf, den Baum zurückzugeben. Nach Rücksprache mit unserem Anwalt muss ich ihnen leider mitteilen, dass die Tanne Gemeindeeigentum ist, weil sie auf Gemeindeland steht. Es spielt keine Rolle, dass Ihre werte Frau Mutter ihn gepflanzt hat. Sollten sie den Baum nicht binnen zwei Tagen der Gemeinde abgeben, sehen wir uns gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten.

.gez. der Bürgermeister

„Bah, rechtliche Schritte“, sagte Fritz, „der Baum bleibt hier bis die schwarz werden.“

Liesbeth, Fritz’ Frau sah das anders. Die `rechtlichen Schritte´ hatten sie schon beeindruckt. Da sie Angst hatte, dass er über Weihnachten im Gefängnis wäre, lag sie ihrem Mann so lange in den Ohren bis er klein bei gab, das heißt, nicht so ganz. Fritz’ bester Kumpel ist Kirchenältester. Den fragte er: „Bei der Gemeinde abgeben, kann das nicht auch bedeuten bei der Kirchgemeinde?“ Da die beiden das sowieso nicht entscheiden konnten, gingen sie zum Pfarrer. Der meinte nur: „Wir haben den Leichnam nicht gewollt, doch wir werden ihn gebührend aufbahren“ Da das Aufsehen inzwischen beträchtlich war, brachte man ihn vor acht Tagen nachts heimlich zur Kirche. Man weiß ja, wie das bei uns so ist, alles schweigt sich herum. Auch der Bürgermeister wusste am nächsten Morgen schon, wo der Baum nun war. Er schrieb dann auch einen Brief an den Pfarrer:

Sehr geehrter Herr Pfarrer,

unsere Gemeinde freut sich, der Kirchgemeinde in diesem Jahr einen Weihnachtsbaum spendieren zu können. Da er schon angekommen ist, bleibt mir nur noch zu sagen: FROHE WEIHNACHTEN und weiterhin gute Zusammenarbeit. gez. der Bürgermeister

Das war alles, schloss Leonard. Jetzt sind wir gespannt, bei wem sich der Pfarrer bedankt, bei Fritz oder dem Bürgermeister“. „Mit dem Enkel von Fritz gehe ich in die Schule, genauso wie mit dem Sohn vom Pfarrer, die haben beide die Briefe gemaust und mir gezeigt. Ich habe sie selbst gesehen.“

Nach so erschöpfender Auskunft konnten die Bläser ihre Weihnachtslieder üben und brauchten nicht mehr zu tuscheln.

Am heiligen Abend war die Kirche mindestens so voll wie immer. Den Bläsern erschien es aber so, als ob viele nur wegen des Baumes gekommen waren. Es war aber auch ein schönes Exemplar. “So ä Prachtschticke gab’s bei uns noch nie“, hörte man Schmidts Erna sagen und die musste es wissen, denn sie war die Älteste im Ort.

Am Ende des Gottesdiensts kam üblicherweise die Stelle an der sich der Pfarrer immer für die Mitarbeit, die Sponsorenleistungen usw. bedankte. Plötzlich war alle Unruhe vorbei, man hätte eine Nadel fallen hören. „In diesem Jahr haben wir einen besonders prächtigen Weihnachtsbaum. Ich möchte mich bei allen Spendern herzlich bedanken“, sagte der Pfarrer. „Nä reden könn se ja die Pfarrer, das lern die bestimmt in ihrer Schule“, sagte Erna. Leonard dachte sich nur: wenn ich groß bin möchte ich auch so klug sein wie Herr Pfarrer, vielleicht kann ich dann auch manchmal Frieden schaffen, wenn andere sich in die Haare geraten.

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